Soziale Ungleicheit und Gesundheit
In Wien sind 4.000 - 5.000 Menschen obdachlos, ca. 4.000 dieser Betroffenen
werden in Einrichtungen (Wohnhäuser, Wohngemeinschaften, Notschlafquartiere)
der Wiener Wohnungslosenhilfe betreut. Die Tatsache wohnungslos zu sein und
damit in sozialesrAusgrenzung zu leben, hat einen direkten Einfluss auf den
Gesundheitszustand. Wohnungslos zu sein, bedeutet, unter einem enormen psychischen
und physischen Stress leben zu müssen. Eine wichtige Voraussetzung für
die Aufrechterhaltung eines gesunden Lebens ist aber das Vorhandensein entsprechender
Schutzfaktoren wie Sicherheit und Stabilität. Wohnungslose Menschen sind
elementarer Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung ihrer Gesundheit
beraubt. Sie haben oft ihre positive Lebenseinstellung und das Gefühl
Dinge beeinflussen zu können verloren.
Häufiger krank und früher Tod
Wohnungslose Menschen sind auf Grund ihrer schlechten Lebensbedingungen und
finanziellen
Situation daher häufiger krank (Mehrfacherkrankungen und chronischen Krankheiten)
und früher tot. Aber nicht nur das Krankheitsrisiko, sondern auch der
Zugang und die Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten sind sozial ungleich
verteilt. Wohnungslose nehmen seltener, im Vergleich zur Normalbevölkerung
medizinische Hilfe, medizinische Vorsorgeuntersuchungen sowie Gesundheitsförderungsmaßnahmen
in Anspruch. Die Gründe sind mannigfaltig. Wohnungslose erleben auch im
Gesundheitsbereich Stigmatisierung und Diskriminierungen. Schamgefühl
und Angst vor Abweisung nennen Wohnungslose als Hauptgründe dafür,
die regulären ambulanten und stationären Versorgungsangebote
nicht zu nutzen. Häufig wissen sie auch nicht Bescheid über ihre
rechtmäßigen Ansprüche (Versicherungen) und haben wegen möglicher
Kosten Angst, zum Arzt zu gehen. Viele ignorieren daher ihren schlechten Gesundheitszustand
und sehen für einen
Arztbesuch keine Notwendigkeit.
Die ÄrztInnen kommen zu den PatienInnen
Die Praxis bestehender medizinischer Hilfsangebote in den Häusern der
Wiener Wohnungslosenhilfe geht bisher in Richtung Akutversorgung und Weiterleitung
ins medizinische Regelsystem. Aufgrund der Erfahrungsberichte der LeiterInnen
und MitarbeiterInnen der Einrichtungen scheint diese Versorgung unzureichend.
Besonders in Hinblick auf chronische Erkrankungen, gynäkologische Versorgung
und ein psychiatrisches Angebot ist der Bedarf an aufsuchender Versorgung sehr
groß. Die vom Verein neunerHAUS und F.E.M. geplante aufsuchende Arbeit
wird diese Lücke füllen.
Engagierte ÄrztInnen gesucht für aufsuchende
Arbeit
Durch regelmäßige Sprechstunden und Angebote in den Einrichtungen
bieten wir den Betroffenen die Möglichkeit, ohne großen Aufwand
in vertrauter Umgebung und ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend
Hilfestellung annehmen zu können. Das Angebot soll über eine medizinische
Grundversorgung hinaus gehen und beruht auf einem umfassenden Begriff von Gesundheit,
welcher die physische, psychische und soziale Gesundheit miteinschließt.
Eine bedürfnisgerechte Gesundheitsversorgung von Wohnungslosen basiert
auf einer integrativen und kooperativen Zusammenarbeit zwischen Medizin, Sozialarbeit
und psychosozialer Betreuung. Gesundheit ist hier vom Sozialbereich nicht zu
trennen.
Zusätzlich frauenspezifische Gesundheitsangebot
Wie in der Wohnungslosenhilfe generell muss auch in der Gesundheitsversorgung
für die
speziellen Bedürfnisse von Frauen ein klares Angebot geschaffen werden.
Die Lebensgeschichten von wohnungslosen Frauen sind geprägt von extremer
Armut, wirtschaftlichen und psychischen Abhängigkeiten sowie von durchgängigen
Gewalterfahrungen. Deshalb besteht eine große Gefahr von psychischen
Erkrankungen. Um den Frauen ungeteilte professionelle Kompetenz, Schutz und
Respekt bieten zu können, müssen die Frauen von Frauen betreut und
beraten werden.
Start des Projektes „aufsuchende Gesundheitsversorgung“ Jänner
2006
Dieses Projekt mit Beginn des kommenden Jahres mit einem mobilen Ärzteteam
soll gestartet werden. Finanziert wird dieses Projekt durch einen Vertrag mit
der Wiener Gebietskrankenkasse (70 % der Wohnungslosen sind krankenversichert),
der MA15 – Sozialhilfe (Krankenhilfe) und dem Fonds Soziales Wien (Wohnungslosenhilfe,
frauenspezifische Förderung).
Kontakt:
Mag. Barbara Zuschnig
Tel: 0650/31 55 651
Web: www.neunerhaus.at
Email:barbara.zuschnig@neunerhaus.at
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